Prothesentraining Schritt für Schritt zur unabhängigen Mobilität
Die Diagnose einer Amputation oder die Notwendigkeit einer Beinprothese verändert das Leben grundlegend. Doch eines möchten die meisten Menschen wieder erreichen: ihre Mobilität und Unabhängigkeit im Alltag zurückgewinnen. Genau hier setzt das professionelle Prothesentraining an. Mit der richtigen Unterstützung durch spezialisierte Fachleute und strukturiertes Training ist das Ziel des selbstständigen Gehens völlig erreichbar.
Der Weg zur Mobilität beginnt mit dem richtigen Team
Wenn Sie sich auf den Weg machen, wieder gehen zu lernen, sind Sie nicht allein. Ein gut eingespieltes Team aus Physiotherapeuten und Orthopädietechnikern begleitet Sie Schritt für Schritt. Die Orthopädietechniker sorgen dafür, dass Ihre Prothese optimal angepasst und eingestellt ist. Die Physiotherapeuten entwickeln mit Ihnen einen maßgeschneiderten Trainingsplan, der Ihre individuelle Situation berücksichtigt. Zusammen schaffen sie die beste Voraussetzung für Ihren Erfolg.
Das Prothesentraining ist kein starrer Prozess mit festgelegten Regeln. Vielmehr geht es darum, dass Sie lernen, Vertrauen zu Ihrer neuen Prothese aufzubauen und ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie sie sich bei verschiedenen Belastungen verhält. Dieses Vertrauen ist fundamental wichtig. Denn nur wenn Sie wissen, worauf Sie sich verlassen können, werden Sie sich sicher genug fühlen, um voranzugehen.
Phase eins: Das Gleichgewicht finden
Bevor es zum eigentlichen Gehen kommt, steht zunächst eine wichtige Grundlage auf dem Programm: das Stehen. Das klingt vielleicht simpel, ist aber tatsächlich ein Lernprozess. Ihr Körper muss neu lernen, wie er sich mit der Prothese ausbalanciert. Das Ziel dieser ersten Phase ist es, dass Sie fest und sicher auf beiden Beinen stehen können, ohne zu wackeln oder sich unsicher zu fühlen.
Dabei wird Ihr Körpergewicht gleichmäßig auf beide Seiten verteilt. Anfangs halten Sie sich dabei an etwas fest, zum Beispiel an einer Stütze oder einem Handlauf. Ihr Therapeut wird Sie genau beobachten und Ihnen zeigen, wo Sie die Balance halten und wie Sie Ihr Gewicht richtig verlagern. Mit jeder Übung werden Sie ein besseres Gespür für Ihre Prothese entwickeln. Mit der Zeit lassen Sie eine Hand los, dann die andere, bis Sie schließlich allein stehen können.
Diese Phase mag zeitaufwendig wirken, aber sie ist das Fundament für alles, was danach kommt. Je sicherer Sie hier werden, desto leichter fallen Ihnen die nächsten Schritte.
Phase zwei: Gehversuche mit Sicherheit
Sobald das sichere Stehen klappt, geht es an die ersten Gehversuche. Hier kommt ein wichtiges Hilfsmittel ins Spiel: der Gehbarren. Dieses spezielle Trainingsgerät ist vergleichbar mit einem Barren im Turnunterricht. Sie können sich damit auf beiden Seiten abstützen und haben so ein Gefühl der Sicherheit, während Sie die ersten Schritte machen.
Im Gehbarren konzentrieren Sie sich darauf, wie sich die Prothese bei Belastung anfühlt und wie Sie Ihr Gewicht von einem Bein auf das andere verlagern. Das ist tatsächlich ein spannender Prozess. Ihr Therapeut wird Sie dabei unterstützen und Ihnen genau erklären, welche Muskeln arbeiten und worauf Sie achten sollten. Gleichzeitig wird gezielt an der Muskelstärke gearbeitet. Mit jeder Trainingseinheit brauchen Sie weniger Kraft aus den Armen. Nach und nach können Sie die Handläufe weniger stark beanspruchen, bis Sie sie schließlich ganz loslassen können.
Phase drei: Freies Gehen ohne Stützen
Der Sprung ins kalte Wasser kann hier für viele Menschen die größte Überwindung sein. Nach all den Übungen am Gehbarren sollen Sie plötzlich ohne Festhalten gehen. Das erfordert Mut. Aber wenn Sie die vorigen Phasen gewissenhaft trainiert haben, haben Sie bereits das nötige Selbstvertrauen und Körpergefühl entwickelt. Sie wissen jetzt, wie Sie Ihr Körpergewicht richtig verlagern, und Sie vertrauen darauf, dass Ihre Prothese Sie trägt.
In dieser Phase trainieren Sie auf ebenem Untergrund. Ihr Therapeut ist immer noch an Ihrer Seite, um Sie bei Bedarf zu unterstützen. Mit jeder erfolgreichen Gehstrecke wächst Ihr Vertrauen. Und genau das ist das Ziel dieser Phase: echte Unabhängigkeit beim Gehen auf gerader Strecke.
Phase vier: Herausforderungen meistern
Jetzt wird es ernst. Die vierte Phase befasst sich mit den alltäglichen Herausforderungen, die das normale Leben mit sich bringt. Das Treppensteigen ist dabei eine besondere Aufgabe. Beim Treppensteigen trägt die Prothese zeitweise Ihr ganzes Körpergewicht. Das erfordert Konzentration und sichere Bewegungsabläufe.
Aber auch unebene Untergründe stellen den Körper vor neue Aufgaben. Der Weg über einen Feldweg, durch den Park oder auf Kies ist völlig anders als die ebene Hallenfläche. Die Prothese muss sich an verschiedene Gegebenheiten anpassen, und Sie müssen lernen, damit umzugehen. Diese Fähigkeiten sind essentiell für ein eigenständiges Leben im Alltag.
Übung macht den Meister
Es gibt noch eine wichtige Erkenntnis, die oft unterschätzt wird: Die tägliche Nutzung Ihrer Prothese ist bereits Training. Je regelmäßiger Sie Ihre Prothese tragen und je mehr Sie damit im alltäglichen Leben unterwegs sind, desto leichter wird Ihnen das Gehen fallen. Natürlich müssen die Stumpfverhältnisse und Ihr Gesundheitszustand dies zulassen. Aber wenn möglich, sollten Sie Ihre Prothese so oft wie möglich nutzen.
Zusätzlich können Sie spezifische Übungen in Ihren Alltag integrieren. Es gibt viele einfache Bewegungsabläufe, die Sie zu Hause durchführen können:
- Seitliche Schritte
- Gewichtsverlagerungen
- Balanceübungen mit Fitnessbändern
- Trainieren verschiedener Schrittlängen
Diese Übungen lassen sich leicht in den Tagesablauf einbauen und unterstützen Sie dabei, mehr Sicherheit und Vertrauen zu gewinnen.
Ein Prozess, der Zeit braucht
Denken Sie daran: Jeder Mensch ist unterschiedlich. Manche Menschen brauchen mehr Zeit in den frühen Phasen, andere machen schnellere Fortschritte. Das ist völlig normal. Es gibt keine Schande darin, wenn Sie länger in einer Phase trainieren. Entscheidend ist, dass Sie sich sicher fühlen und das richtige Tempo für Ihre Situation finden.
Ihr Therapeut wird diesen Prozess mit Ihnen absprechen und anpassen. Die Motivation und das richtige Mindset sind dabei genauso wichtig wie die körperlichen Übungen. Mit Geduld, regelmäßigem Training und der richtigen professionellen Unterstützung werden Sie wieder mobil und unabhängig im Alltag.
Der Weg ist das Ziel, und jeder Schritt ist ein Erfolg.


